Zuhause im Wald . Was passiert eigentlich in einer Waldgruppe?

Dez 02 2020

Die Kinder spielen und spielen und spielen. Die Vögel sind zu hören. Wir haben heute schon Spinnen, eine Raupe, Motten, Schmetterlinge gefunden.

Hier herrscht Frieden, Ruhe, Freies Spiel wie aus dem Lehrbuch. Der Wald gibt uns alles, wir sind hier zuhause. Bewegung, Impulse, Aktion, Kooperation, Auseinandersetzung, Besprechung, Ideen, Geschichten werden gesponnen.

Streit um einen Stock. Knack der ist kaputt. Lachen darüber, weiter im Spiel, Streit, Entspannung.

Zuhause im Wald, Foto Andreas Schönefeld

Dies ist nur eine Beschreibung einer kleinen Szene der Kita-Waldgruppe, die anlässlich der Coronapandemie gegründet wurde.

Mehr dazu unter: https://www.kinderkinder.dguv.de/wissbegierig-im-wald/, siehe auch: https://www.jugendwohnen-berlin.de/wp-content/uploads/2020/11/Lockdown-als-Chance-Waldprojekt-der-Kita-Bethaniendamm_fruehe-Kindheit.pdf

 

Der erste Tag der Waldgruppe. Was ist das? Es ist so, als wären wir schon immer zusammen im Wald.

Der Wald, unser Platz war, und wurde immer mehr das Zuhause der Kinder. Unserer Weg und unsere Orte bekamen Namen (Schlangenbaum, drei Buchen, Fünf-Wege-Platz, Elefantenbaum, Glitzerkönig, das geheimste Geheimversteck im ganzen Plänterwald, hier haben wir den Maulwurf beerdigt) und wir erzählten uns immer wieder die Geschichten dazu. So wurden es unsere Songlines, unsere Verbindungen.

 

Welche Magie, welcher Zauber, welche Wunder durften wir da im Wald erleben?

Für mich als Pädagoge offenbarte sich meine Seele, mein Platz in der Welt, in der Arbeit als Begleiter der Kinder in einer Waldgruppe – meine Gabe, meine Bestimmung, meine Rolle, mein Ort?

 

Als Wildnispädagoge, weiß ich ja: Der Wald wirkt Wunder!

http://andreas-schoenefeld.de/der-wald-wirkt-wunder-gerade-in-zeiten-von-corona/

 

Ich suche weiter nach weiteren Erklärungen und entdecke ein spannendes Buch. Bill Plotkin schreibt über die acht Lebensphasen von uns Menschen „Natur und Menschenseele. Das Lebensrad und die Mysterien eines seelenzentrierten Erwachsenenseins“ (Uhlstädt-Kirchhasel 2010).

 

Die erste Phase der Frühen Kindheit nennt er das Nest, das Kind ist „Der Unschuldige im Nest“. Dann kommt der „Entdecker im Garten“ in Phase 2 der Mittleren Kindheit. Ich zitiere im Folgenden:

 

Zusammen stellen Eltern und mehr-als-menschliche Wesen – Schmetterlinge, Bäche und Biber – die interaktive Nahrung für die vollständige Entwicklung des Kindes zur Verfügung. Durch umfangreiche Aufenthalte in der Natur lernt das Kind, dass seine größere Mutter, die belebte Welt, immer da ist. Die Unschuld des Kindes ermöglicht ihm, alles in der natürlichen Welt als persönlich und lebendig zu empfinden. Jedes Ding hat eine Präsenz, eine Stimme und kann angesprochen werden. In einer ökozentrischen Gesellschaft stellt die instinktive, animistische Art des Kindes, auf die Welt zuzugehen, die Grundlage eines ganzen Lebens in direkter Beziehung zu Bäumen, Blumen, Tieren, Bergen, Flüssen und Sternen dar. (S. 124)

 

Der GARTEN ist ein verzauberter Ort, an dem es sowohl lernt, welche Wunderwerke von selbst aus der Natur und den Gaben des Lebens entspringen, aber auch, was es selbst damit zu tun imstande ist (Kultivierung) … Die Welt des GARTENS ist manchmal beängstigend und dann wieder tröstend, aber immer ein Ort des Staunens (S. 155)

 

Die Hauptaufgabe des Kindes im GARTEN besteht darin, die Gelegenheiten der Welt sowie seinen Platz darin zu erforschen und kennen zu lernen. …- Sein natürliches Bestreben besteht darin, sich sowohl in der Kultur (in dieser Phase die Kernfamilie) als auch der Natur ein Zuhause zu schaffen und so ein echter Einwohner seiner Welt zu werden. … Das Erkunden und Erfassen der Gelegenheiten der Welt sowie unseres Platzes darin beinhaltet zwei Unteraufgaben: zum einen die Entdeckung des Zaubers der Natur und zum anderen das Erlernen der sozialen Bräuche, Werte, des Wissens, der Geschichte, der Mythologie und der Kosmologie unserer Familie und Kultur. (S. 160)

 

ENGER KONTAKT MIT DER WILDEN WELT. … Es lässt sich von der mehr-als-menschlichen Welt der wilden Orte, Pflanzen und Tiere und des Nachthimmels faszinieren. (S. 161)

 

Für die kindliche Entwicklung ist enger Kontakt zur Wilden Welt eine wesentliche Notwendigkeit. … Viele Autoren haben über das universale Bedürfnis von Kindern nach freier Erkundung der Natur geschrieben. So äußert sich zum Beispiel die Pädagogin, Mutter und Tiefenökologin Dolores LaChapelle wie folgt: „das Kind muss so viel wie möglich im Freien spielen können. … Die besten Spielplätze sind jene, die Menschen seit der Zeit, als wir noch Primaten waren und gerade die Bäume verlassen hatten, schon immer am liebsten mochten. Orte, an denen wir uns sicher verstecken und von wo aus wir andere Plätze beobachten können, Orte, die man erklettern und einfache natürliche Gegenstände, aus denen man etwas machen kann – Steine, Stöcke, Matsch und Dreck. Zugleich braucht das Kind den Anblick nichtmenschlicher Wesen: Tiere, Bäume, Berge, Flüsse.“

(Dolores LaChapell: Heilige Erde, heiliger Sex (Neue Erde 1999), (S. 162)

 

Das freie Spiel in der Natur fördert die Vorstellungskraft des Kindes, was möglicherweise die wichtigste Dimension des Wachstums im GARTEN ist. (S. 167)

 

Indem Kinder die wilden Orte im Freien und in ihren Träumen erforschen, schaffen sie die emotionalen und imaginativen Grundlagen für ihr späteres, in der Seele verwurzeltes Leben. (S. 168)

 

Jedes Kind braucht einen Erwachsenen, der es dabei unterstützt, seine Mitgliedschaft in der natürlichen Welt voll und ganz zu erleben, damit es instinktiv weiß, dass es vollständig dort hingehört und so wild wie jedes Tier, jede Wildblume oder jede Wolke ist. Die Natur muss zur Freundin des Kindes werden (oder es bleiben), seine Verbündete, seine Lehrerin sein – sein Zuhause – und nicht etwa ein bedrohlicher Ort voller feindlicher, fremder Wesen. Selbst die gesundeste, absolut bedingungslos annehmende Familie genügt alleine nicht, um den Kind zu ermöglichen, sich in der Welt zuhause zu fühlen. Umgekehrt kann ein tief verwurzelter Sinn dafür, in-die-Natur-zu-gehören, selbst das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie oder mangelnde soziale Akzeptanz durch Gleichaltrige ausgleichen. Ich habe viele Jugendliche und Erwachsene kennengelernt, deren psychologisches und soziales Überleben nur aufgrund ihrer ausgedehnten Kindheitserfahrungen an wilden Orten möglich war. (S. 170)

 

Ein Junge aus meiner Waldgruppe spielt schon fast eine Stunde mit großen Stöckern. Er hat einen doppelt so großen wie er selbst ist in den Händen und sagt zu sich: Ich bin mächtig. Hält inne, richtet sich auf und sagt: Wirklich.

Schreib mir eine Nachricht

Schreib mir eine Nachricht

*