Entscheidungen friedvoll finden – Wildnispädagogik

Aug 20 2019

Wir kennen das alle. Wie finden wir gute (die besten) Entscheidungen in Teams als Kolleg*innen, Unternehmer, Betriebsrat, Initiative, Verein, Organisation, Partei, im Parlament oder einfach unter Freunden? Wie lösen wir Konflikte, Krisen? Wie können wir gut mit Beschwerden umgehen?

Nur acht Schritte können uns helfen, friedvoll gemeinschaftlich zu entscheiden und zu wirken. Das sogenannte PROTOKOLL mit seinen acht Schritten wurde als formaler Rahmen für Entscheidungsprozesse entwickelt aus der Friedens-Tradition der nordamerikanischen Irokesen-Konföderation und wird in der Wildnispädagogik meiner Mentoren Paul Wernicke, Tim Taeger und Wieland Woesler gelebt und weitergegeben. Großen Dank dafür! Wir durften auf dem vierten Weiterbildungsmodul (3 Tage und 3 Nächte) nach dem PROTOKOLL zwei Aufgaben als kleine und große Gruppe gemeinsam lösen. Das war großartig, das war schön, feierlich und sehr, sehr verbindend. So haben wir die enorme Kraft, die das PROTOKOLL schafft, erlebt.

Daher möchte ich es auch hier weitergeben und überlege, wie ich es in meinen Alltag, in meine Teams, Treffen und Sitzungen einbringen kann.

 

Das PROTOKOLL

0. wichtig (nullter Punkt) ist die Stillung aller körperlichen Bedürfnisse (Grundbedürfnisse): Sitzen, Essen, Trinken, …

1. Danksagung (im Gedenken daran, wir sind alle gleich, wir trinken alle das gleiche Wasser)

2. Check-In, Befindlichkeits-Runde, Straßenstaub abschütteln (dazu gibt es diverse Formen, zum Beispiel kurz eine Daumen-Runde zum körperlichen und seelischen Befinden)

3. Gibt es etwas, was zwischen uns steht? (kann auch stehen gelassen werden oder muss bearbeitet werden)

4. Jede/r nennt ihre/seine Intention für das Treffen (nicht Ziel oder Lösung, sondern seine Ausrichtung wie Treffen sollte verbindend sein, Frieden stiften, kurz sein, Einigkeit heute bringen, Arbeit gut machen, …

* Rollenverteilung jetzt oder nach Punkt 5

5. Themensammlung (was wollen wir heute besprechen)

* Rollen: Moderator, Zeithüter, Stimmungswächter (weist eventuell darauf hin, dass die Stimmung aufgeräumt werden muss), Protokollant

6. Redekreis (mit Redestab, eine/r redet, andere hören zu) zu allen Themen Austausch, Sprechen-Zuhören, kreist solange bis alle, alles gesagt haben (Ping-Pong kann auch mal gut sein) und Einigkeit hergestellt wurde.

7. Festhalten, schriftliches fixieren des PROTOKOLL Ergebnisses: der Einigkeit

8. Aufschreiben der offenen Fragen und Punkte

Foto: Andreas Schönefeld

Nach dem PROTOKOLL kann jede Gruppe, Gemeinschaft arbeiten.

Wenn mehrere Teams, Abteilungen, Teilgruppen für die gesamte Gemeinschaft eine Einigkeit sucht, Konflikte, Krisen, Beschwerden lösen will,

dauert der Entscheidungsprozess länger. Die Botschafter der einzelnen Teilgruppen treffen sich solange und pendeln zwischen ihrer Gruppe und dem Botschaftertreff solange hin und her, bis in allen Punkten Einigkeit erschaffen wurde. Sie sind dabei nur Botschafter und haben nicht das Mandat, selbstständig zu verhandeln, denn jede/r soll ja in allen Punkten gehört werden. In jeder Runde wird auch wieder das gesamte PROTOKOLL mit seinen acht Punkten angewandt. Das kann erst einmal sehr lange erscheinen und auch dauern, aber die Einigkeit und verbindende Kraft macht alle in diesem Prozess stark, jeden einzelnen und die entsprechende Gemeinschaft. Ich habe es erlebt. Es ist es allemal wert.

 

Wenn man diesen Prozess, das PROTOKOLL, auch noch im Geiste des PEACEMAKINGS und seinen VIER PRINZIPIEN verfolgt, bekommt er eine wirkliche Friedensdimension.

Die sechs Nationen der Irokesen-Konföderation (bestehend aus den Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und später die Tuscarora) bezeichnen sich selbst als Haudenosaunee, als die Menschen des Langhausses. Sie erzählen sich zur eigenen Vergewisserung jedes Jahr die Geschichte des Peacemakers, des Friedensstifters. Das Erzählen dieser Geschichte kann bis zu neun/zwölf Tagen dauern. Nach Kriegen und sogar Kannibalismus gelang es Deganawida, dem Peacemaker, Frieden zu schaffen zusammen mit Hiawatha. Sie schufen zusammen eine Verfassung, einen anhaltenden Friedensbund. Die Entscheidungen in Einigkeit sollten für sieben Generationen tragfähig sein. So ist PEACEMAKING eine kulturelle Technik, eine kulturelle Grundlage. Elemente der Verfassung der Haudenosaunee wurden auch Vorbild für die Verfassung der amerikanischen Staaten.

Die VIER PRINZIPIEN des PEACEMAKINGS sind:

1. Innerer Frieden (jede/r ist dafür verantwortlich, im inneren Frieden anderen zu begegnen)

2. Gute Worte (ich wähle meine besten Worte, positive Emotionen, habe selbst Klarheit, Nein und Stopp können auch gute Worte sein)

3. Einigkeit (jede/r muss gehört werden, jede/r kann seine Meinung kundtun, es muss Konsens hergestellt werden, ich muss nicht alles super finden, innerer Frieden muss stimmen, dann kann es auch zu Zustimmungen kommen)

4. Heilung und Vergebung (mir und anderen gegenüber)

 

Ein Team, eine Organisation, eine Verfassung wird enorm stark, wenn jede/r sich verpflichtet und bereit ist, nach den vier PRINZIPIEN des PEACEMAKINGS zu leben. Ich habe es erlebt!

Das PROTOKOLL ist in dieser Dimension in unserem Alltag ein verlässliches „Friedens-Werkzeug“ zur Lösung von Beschwerden, Konflikten, Mobbing, Übergriffen, Krisen.

Den Inneren Frieden kann man finden durch Naturverbindung, durch Kernroutinen wie das Aufsuchen eines festen Sitzplatzes in der Natur, durch Danksagungen, durch die Erkenntnis, dass wir alle auf dem gleichen Fluss unterwegs sind. Wir alle wurden geboren, atmen die gleiche Luft, trinken das gleiche Wasser. Jede/r ist mit seinem Boot unterwegs und manchmal verbinden wir uns mit den vier Seilen, den vier Prinzipien des Peacemakings, dann sind wir ein Stück gemeinsam unterwegs und wieder fahren wir alleine, um uns später wieder zu verbinden, alleine und verbinden.

Über das Paecemaking spricht Tom Porter (als ein Botschafter der Haudenosaunee) mit Claus Biergert am 2. Mai 2019 in Klein Jasedow. Hier die Filmaufnahme des Gespräches. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „oya“, 54-2019 reflektiert dieses Gespräch unter dem Titel „Frieden stiften und bewahren“, S. 36-43.

Hier Links zu meinem ersten Beitrag über die Wildnispädagogik-Weiterbildung, zum zweiten, zum dritten.

Diesen Beitrag als PDF hier: Entscheidungen friedvoll finden

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